Das
Diatretglas wurde am l. April 1960 im Sarkophag Nr.5 bei Bauarbeiten auf dem Gelände der
Siegel - Sidol - Werke gefunden. Zwischen den Scherben befand sich ein winziger Würfel
aus Knochen mit kreisförmigen Augen auf seinen sechs Flächen. Das sehr kunstvoll
gearbeitete Glas, das neben dem Kopfende des Sarkophags geborgen wurde, wurde in der
Werkstatt des Museums ganz zusammen gesetzt. Nur von dem feinen Netzwerk der unteren
Hälfte fehlen trotz einer gründlichen Durchsuchung der umgebenden Lehmerde einige Teile,
die wahrscheinlich schon bei der Bestattung des Toten nicht mehr vorhanden waren. Das
fertige Glas brauchte von keinen anhaftenden Unreinheiten befreit werden, da sich auf dem
ganzen Glas weder Irisbildungen noch milchig trübe Stellen befinden. So erstrahlt das
Kunstwerk noch in seiner ursprünglichen Farbenpracht. Da das Diatretglas noch so
vorzüglich erhalten ist, entschlossen sich die Archäologen von einer Ergänzung des
fehlenden Netzwerkes ab zu sehen. Das Glas besteht aus dem glockenförmigen Kelch und dem
umhüllenden Korb, der von der Kelchwand freischwebend gearbeitet ist. Der kristallklare
Kelch ist ganz von dem farbig durchbrochenen Korb umhüllt. Nur oben ragt der Rand leicht
heraus, auf dem Korb befindet sich folgende Inschrift:
IIIE. ZHCAIC KAAQC AEI - Trinke, lebe schön, immerdar. Was
die Feinheit der Ausführung angeht, steht. das Diatretglas von Köln ohne Zweifel an der
Spitze aller bisher bekannten Stücke. Ein Diatretglas ist eine ungeheure Geduldsarbeit.
Man war sich immer bewußt, daß ein einziger Fehlgriff die Arbeit von Monaten
ruinieren würde. Trotzdem wird die Fähigkeit des Schleifers eine solche Geduldsprobe zu
bestehen abgestritten. Zu Unrecht, denn gerade dies macht den Wert der Diatrete aus;
andernfalls würden sie sich ja in größerer Anzahl finden. Die Diatrete werden und
wurden aber nicht nur als technische Kuriosa so hoch geschätzt, sondern vor allem auch,
weil sie künstlerische Leistungen darstellen, deren ästhetische Wirkung nicht nur auf
der Tatsache beruht, daß ihr ganzer Dekor mit den einfachsten Mitteln und den simpelsten
Schleifrädchen gearbeitet ist. Man glaubt, daß die zahlreichen und viel weiter
verbreiteten Becher mit Trinksprüchen auf griechisch und Latein in Köln hergestellt
wurden, wo nun schon das dritte und zweifellos das vollendetste Exemplar dieser
Prunkgefäße gefunden worden ist.
Melanie Spruch |